____ _ _ _ _
| _ \ ___ | |_ (_) _ __ ___ __| | (_) __ _
| |_) | / _ \ | __| | | | '_ \ / _ \ / _| | | | / _ |
| _ < | __/ | |_ | | | |_) | | __/ | (_| | | | | (_| |
|_| \_\ \___| \__| |_| | .__/ \___| \__,_| |_| \__,_|
|_|
- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b
ÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻ
Filibuster
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
top
Als Filibuster (be [], ae [] vom spanischen âfilibusteroâ) wird die Taktik einer Minderheit in einem Parlament bezeichnet, durch Dauerreden oder die bloĂe Androhung von Dauerreden eine Beschlussfassung durch die Mehrheit zu verhindern oder zu verzögern. Dabei wird hinter den Kulissen meist zugleich versucht, Ăberzeugungsarbeit bei einzelnen Abgeordneten der Mehrheitsfraktion gegen den Beschluss zu leisten. Der Filibuster ist kein neues PhĂ€nomen, sondern geht auf die römische Tradition der ErmĂŒdungsrede zurĂŒck.
Im US-Senat bedeutet die Filibuster-Mehrheits-Regelung, dass mindestens 60 der 100 Senatoren (âSuper Majorityâ)cite-ref-1[1] einem frĂŒhzeitigen Ende der Senatsdebatte zustimmen mĂŒssen, damit es zu einer Abstimmung kommt, bei dem die einfache Mehrheit ausreicht, um den Haushalt fĂŒr ein Jahr zu verabschieden.cite-ref-2[2]
Im deutschen Sprachraum ist der verallgemeinerte Begriff der Filibusterei eingesickert, der jede zermĂŒrbende Abstimmungstaktik bezeichnet. Auch im englischen Sprachraum gibt es diese Verallgemeinerung (âfilibusteringâ). Nahezu alle demokratischen Systeme kennen geschichtlich eine Form der Filibusterei, auch wenn die Redezeit im Parlament begrenzt ist, etwa durch AntrĂ€ge zur Tagesordnung, Anfragen zur KlĂ€rung einzelner Punkte und Nutzung von verlĂ€ngerten Pausen.
Contents
âą Wortherkunft
âą Hintergrund
âą LĂ€ngste Reden
âą Andere Staaten
âą Deutschland
âą Frankreich
âą Schweiz
âą Japan
âą SĂŒdkorea
âą Kanada
âą Italien
âą Ăsterreich
âą Australien
âą Rezeption
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Wortherkunft
Der Begriff wurde vom spanischen filibustero ĂŒbernommen, wobei dieser Begriff vom französischen flibustier abgeleitet ist, das sich wiederum aus einer entstellten Aussprache des niederlĂ€ndischen vrijbuiter (Freibeuter) herleitet â gemeint waren damit ursprĂŒnglich die Piraten, die zwischen ca. 1680 und 1800 die Karibik zwischen Kuba und Nicaragua unsicher machten. In der spĂ€teren US-amerikanischen Geschichte bezeichnete man mit dem Begriff filibuster Privatleute und Söldner, die militĂ€rische Interventionen gegen lateinamerikanische Staaten fĂŒhrten.
Hintergrund
Zeit ist in Beschlussorganen ein knappes Gut. Durch eine lange Diskussion wird nicht nur das aktuelle Vorhaben blockiert, sondern auch alle nachfolgenden Punkte einer Tagesordnung können nicht mehr zur Abstimmung gebracht werden. So kann durch Filibusterei eine bedeutende Minderheit in einem Parlament die Geschicke der Gesetzesfindung insgesamt bestimmen. Die möglichen Verzögerungen sind zwar letztlich begrenzt, die Amtszeiten der BeschlusstrÀger jedoch auch.
Das Mittel der Filibusterei ist keine Erfindung der USA. Schon im alten Rom gab es Marathonreden, so beschwerte sich Julius Caesar in seinem Buch De bello civili darĂŒber, dass sein Erzfeind Cato den ganzen Tag im Senat rede. Im Abgeordnetenhaus des österreichischen Reichsrates hieĂ die Taktik âObstruktionâ und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts so hĂ€ufig angewandt, dass letztlich der Ruf des gesamten Parlamentes litt.
Filibuster im US-Senat
Möglich wird diese Taktik der Marathonrede durch die im Vergleich zum ReprĂ€sentantenhaus sehr freizĂŒgige GeschĂ€ftsordnung des Senats: Die Senatoren haben das Recht, so lange sie wollen zu reden, ohne dass dies mit dem zur Debatte stehenden Thema etwas zu tun haben muss, ohne unterbrochen zu werden. Eine Ausnahme besteht im Reconciliation-Verfahren, das eingefĂŒhrt wurde, um bei bestimmten Gesetzgebungsverfahren Filibuster zu verhindern. Allerdings kann das Verfahren nach den bestehenden Regeln nicht beliebig oft angewendet werden. Es ist nur in AusnahmefĂ€llen erlaubt.cite-ref-0-3-0[3]
Regelungen und Gepflogenheiten
Nachdem es bis 1917 ĂŒberhaupt keine Regeln gegeben hatte, die die Redezeit der Senatoren beschrĂ€nkten, kann heutzutage eine Debatte von drei FĂŒnfteln der Senatoren (normalerweise also von 60) abgebrochen werden. Jedoch muss eine solche Abstimmung ĂŒber Schluss der Debatte zwei Sitzungstage im Voraus beantragt werden und erlaubt im Erfolgsfall noch weitere 30 Stunden Debatte (also wesentlich mehr, als die Debatte ĂŒber die meisten BeschlĂŒsse insgesamt dauert), sodass sich mit einem Filibuster immer noch viel Zeit gewinnen lĂ€sst.
Von 1917 bis 1949 galt die Regel, dass die Debatte von zwei Dritteln der abstimmenden Senatoren geschlossen werden kann. Dann wurde sie bis 1959 darauf verschĂ€rft, dass nur zwei Drittel aller Senatoren dies beschlieĂen konnten. AnschlieĂend kehrte man zur vorigen Regelung zurĂŒck. 1975 wurde dann die heutige Regelung eingefĂŒhrt.
Eine Ănderung der GeschĂ€ftsordnung des Senats einschlieĂlich der Bestimmung ĂŒber den Debattenschluss könnte theoretisch durch einfache Mehrheit von 51 Stimmen beschlossen werden. Allerdings wĂŒrde die Ănderung der GeschĂ€ftsordnung selbst der unbeschrĂ€nkten Debatte unterliegen, und zum Debattenschluss wĂ€ren in diesem Fall sogar die Stimmen von zwei Dritteln der anwesenden Senatoren (also 67, wenn alle anwesend sind) erforderlich. Eine derartige GeschĂ€ftsordnungsĂ€nderung wird derzeit nicht ernsthaft diskutiert. Abgesehen davon, dass beide Parteien zu verschiedenen Zeiten Nutzen aus dem Filibuster gezogen haben, wird das ihn ermöglichende unbegrenzte Debattenrecht auch als dem Wesen des Senats gemÀà verstanden, der im System der checks and balances eine gegenĂŒber dem ReprĂ€sentantenhaus ĂŒberlegtere und mĂ€Ăigende Kammer sein soll. Es wird daher akzeptiert, dass im Senat langsamer gearbeitet wird, und die Filibusterei als typische Erscheinung seiner verfassungskonformen Aufgabe gesehen.
Da der Senat wĂ€hrend eines Filibusters effektiv keine anderen Fragen behandeln kann und ein Filibuster beide Parteien ermĂŒdet, werden Fragen, zu denen mindestens 41 Senatoren per Einspruchcite-ref-0-3-1[3] mit einem Filibuster drohen, in der Praxis meistens gar nicht erst auf die Tagesordnung gesetzt. Derartige sogenannte prozedurale Filibuster gehören zum AlltagsgeschĂ€ft; dass die Mehrheit den Abbruch einer Filibuster-Dauerrede erzwingt, ist hingegen sehr selten.
Der Senat ist ein kontinuierliches Organ, d. h., er kennt keine Legislaturperioden, an deren Ende er sich auflöst und ein neuer Senat gewĂ€hlt wird. Stattdessen wird alle zwei Jahre ein Drittel der Senatoren neu gewĂ€hlt, aber nie der ganze Senat. Da es nie einen neuen Senat gibt, beschlieĂt er die GeschĂ€ftsordnung nicht wie im ReprĂ€sentantenhaus oder auch im Deutschen Bundestag nach jeder Wahl aufs Neue. Stattdessen bleibt sie dauerhaft in Kraft. Trotzdem besteht die in der Verfassung enthaltene ErmĂ€chtigung des Senats, seine GeschĂ€ftsordnung zu regeln, die von mehreren MehrheitsfĂŒhrern dahingehend interpretiert wird, dass es verfassungswidrig sei, zukĂŒnftige Senatsgenerationen durch den Zwang zur Zweidrittelmehrheit fĂŒr eine GeschĂ€ftsordnungsĂ€nderung zu binden. Daraus ergibt sich die als nuclear option bzw. von AnhĂ€ngern teilweise als constitutional option bezeichnete Möglichkeit: Ein (nicht debattierfĂ€higer) GeschĂ€ftsordnungsantrag kann feststellen, dass der amtierende SenatsprĂ€sident â in einer derart wichtigen Debatte wĂ€re dies der VizeprĂ€sident der Vereinigten Staaten â trotz der entgegenstehenden GeschĂ€ftsordnungsvorschrift von Verfassungs wegen verpflichtet sei, der [einfachen] Mehrheit die Möglichkeit zur Abstimmung zu geben. Dann könnte ein Filibuster mit einfacher Mehrheit beendet werden.
Diese Vorgehensweise wurde erst 2013 ausgeĂŒbt, und dann noch einmal 2017, fĂŒr Abstimmungen ĂŒber Kandidaten fĂŒr Bundesgerichte. Die Drohung zur Beendigung eines Filibusters hat bis dahin mehrfach eine politische Rolle gespielt, unter anderem auch 1917 bei der EinfĂŒhrung der Möglichkeit, mit DreifĂŒnftel-Mehrheit ein Debattenende zu erzwingen. 2005 drohten die Republikaner, einen demokratischen Filibuster gegen die BestĂ€tigung von fĂŒnf von PrĂ€sident Bush vorgeschlagenen Richtern auf diese Weise zu beenden. Dazu kam es letztendlich nicht, da ein Kompromiss ausgehandelt wurde. Danach stimmten sieben Demokraten bei drei der fĂŒnf Richter fĂŒr den Debattenschluss, im Gegenzug verpflichteten sich sieben Republikaner, bei den beiden anderen Richtern gegen eine Beendigung des Filibusters durch diese ânukleare Optionâ, also eine Ănderung der GeschĂ€ftsordnung, zu stimmen. Die Republikaner setzten die damit absehbar aussichtslose Debatte bezĂŒglich der beiden anderen Richter nicht mehr auf die Tagesordnung.
Am 21. November 2013 schlieĂlich wurde die ânukleare Optionâ doch noch ausgeĂŒbt: Die republikanische Minderheit im Senat verhinderte durch Filibusterei die BestĂ€tigung der Ernennung von 59 Personen fĂŒr Posten im Rahmen der Bundesverwaltung sowie von 17 Personen fĂŒr Richterstellen an Bundesgerichten. Vertreter der Republikaner hatten erklĂ€rt, dem amtierenden PrĂ€sidenten Obama, so wörtlich, âjede weitere Ernennung fĂŒr Berufungsgerichte des Bundes verweigernâ zu wollen. Dies wiederum veranlasste die Demokraten dazu, die Abschaffung des Filibusters bei der Ernennung dieser Posten mit einer knappen einfachen Mehrheit zu bestimmen. So umgingen sie die Abstimmung zur Beendigung der Debatte, fĂŒr die sie eigentlich 60 Stimmen gebraucht hĂ€tten.cite-ref-1-4-0[4] FĂŒr Ernennungen fĂŒr den Obersten Gerichtshof (Supreme Court) galten weiterhin die regulĂ€ren (60 Stimmen) Filibuster-Regelungen,cite-ref-1-4-1[4] ehe die Republikaner am 6. April 2017, bei der BestĂ€tigung von Neil Gorsuch fĂŒr den Richterposten am Supreme Court, ebenfalls die Filibuster-Regelungen aufweichten: Nachdem die Republikaner im Senat nur ĂŒber 52 Mitglieder und drei weitere Stimmen von nahestehenden Senatoren verfĂŒgten, konnten sie die BestĂ€tigung erst nicht gegen den erklĂ€rten Willen der Demokraten ausĂŒben, die die gĂ€nzliche NichtberĂŒcksichtigung des ursprĂŒnglich Nominierten Merrick Garland als unrechtmĂ€Ăig ansahen. Die Republikaner Ă€nderten daraufhin die GeschĂ€ftsordnung dahingehend, dass ebenfalls eine einfache Mehrheit ausreicht, um den Filibuster zu beenden und die Ernennung ihres vorgeschlagenen Richters fĂŒr den Supreme Court durchzusetzen.cite-ref-5[5]
LĂ€ngste Reden
Ab dem 31. MÀrz 2025 hielt Senator Cory Booker die bislang lÀngste Rede. Thema der Rede war die durch die zweite PrÀsidentschaft von Donald Trump seiner Ansicht nach verursachte Krise der Vereinigten Staaten.cite-ref-6[6] Die 25 Stunden und vier Minuten dauernde Rede wurde allein auf Youtube am Ende von 115.000 Personen live verfolgt.cite-ref-7[7] Die Rede Bookers war allerdings kein Filibuster im eigentlichen Sinne, da durch sie kein Gesetzesvorhaben aufgehalten wurde, sondern durch sie der Kampfgeist der Demokratischen Partei gezeigt werden sollte.cite-ref-8[8]
Die zweitlĂ€ngste Einzelrede mit einer GesamtlĂ€nge von 24 Stunden und 18 Minuten hielt Senator Strom Thurmond aus South Carolina am 28. und 29. August 1957, um den Civil Rights Act of 1957 zu verhindern, der Afroamerikanern die Wahrnehmung des Wahlrechts erleichtern sollte. Nach AusfĂŒhrungen zur Sache zitierte er unter anderem die UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung der Vereinigten Staaten, die Bill of Rights und die Wahlgesetze sĂ€mtlicher Bundesstaaten. Auch ĂŒber Kuchenrezepte seiner GroĂmutter referierte er im Rahmen dieser Rede. Thurmond hatte seinen Filibuster angekĂŒndigt und vorbereitet. So war er zuvor in einer Sauna gewesen, um wĂ€hrend der Rede nicht auf die Toilette zu mĂŒssen. Falls dies doch eingetreten wĂ€re, stand im Nebenraum ein Mitarbeiter mit einem Eimer bereit, sodass der Senator seine Notdurft hĂ€tte verrichten können, wĂ€hrend er immer noch mit einem Bein im Senat anwesend gewesen wĂ€re. Auch die Senatskollegen hatten sich auf die lange Rede eingestellt und Decken mitgebracht. Am Ende seiner Rede wurde seine Sprache undeutlich und monoton. Die New York Times schrieb darĂŒber, dass die zitierten Gesetzespassagen âgenauso gut aus dem Telefonbuchâ hĂ€tten sein können. Insgesamt dauerten die Beratungen fĂŒr das Gesetz 57 Tage, in denen der Senat keine anderen BeschlĂŒsse fassen konnte. Thurmonds Einsatz war letzten Endes vergebens, da schon kurz nach seiner Rede das Gesetz verabschiedet wurde, aber seine AnhĂ€nger bejubelten ihn. Thurmond erwarb sich u. a. durch diese Rede, aber auch durch seine enorm lange Senatsmitgliedschaft von fast 50 Jahren, den Ruf einer Legende.
Die drittlĂ€ngste Einzelrede hielt Wayne Morse mit einer ĂŒber 22-stĂŒndigen Rede am 24. und 25. April 1953. BerĂŒhmt wurde auch der 15-stĂŒndige Filibuster am 12. und 13. Juni 1935 von Huey Pierce Long, in dem dieser unter anderem seine Rezepte fĂŒr gebratene Austern kundgab.cite-ref-9[9] Robert Byrd hielt am 9. und 10. Juni 1964 eine 14-stĂŒndige Rede gegen das BĂŒrgerrechtsgesetz. Den ersten langen Filibuster seit EinfĂŒhrung der Live-Ăbertragungen aus dem Senat hielt Alfonse DâAmato am 5. Oktober 1992 mit ĂŒber 15 Stunden Rede und Gesang, um den Wegzug einer Schreibmaschinenfabrik aus seinem Heimatstaat New York zu verhindern.
Filibuster-sichere Mehrheit
Eine Mehrheit von drei FĂŒnfteln der Senatoren (derzeit also 60), eine sogenannte super majority (âSuper-Mehrheitâ), kann einen Filibuster abbrechen. Eine so deutliche Mehrheit ist in der Praxis selten gegeben; und selbst bei einer formalen Mehrheit ist die Fraktionsdisziplin oftmals nicht so stark, dass die erforderliche Stimmenzahl erreicht wird.
Bei der EinfĂŒhrung der Regel im Jahr 1975 gab es eine Filibuster-sichere Mehrheit. Der 94. Kongress, der am 3. Januar 1975 zusammentrat, hatte eine demokratische Mehrheit von 60 Sitzen (spĂ€ter betrug sie vorĂŒbergehend sogar 61 Sitze). Im darauffolgenden 95. Kongress, der von 1977 bis 1979 amtierte, bestand ebenso eine Mehrheit von 61 Sitzen, die sich am 8. November 1978 nach der Wahl von David Durenberger auf 60 Sitze reduzierte. Die Mehrheit ging am 30. Dezember 1978 mit der Ernennung von Thad Cochran verloren.
Erst im Jahr 2009 gab es erneut kurzzeitig eine solche Mehrheit, wiederum fĂŒr die Demokraten, wobei sie allerdings auch die unabhĂ€ngigen Senatoren Joe Lieberman und Bernie Sanders umfasste.
Vom 7. Juli 2009 bis 25. August 2009 konnte sie erreicht werden, nachdem Al Franken vereidigt worden war, der die Wahl vom 4. November 2008 mit einem Vorsprung von nur 312 Stimmen gegen seinen Kontrahenten Norm Coleman gewonnen hatte, aber erst nach mehreren NachzÀhlungen und einem langen Rechtsstreit am 30. Juni 2009 den Sieg durch das Oberste Gericht des Bundesstaates Minnesota zugesprochen bekam.cite-ref-10[10] Zuvor hatte schon Arlen Specter nach 44 Jahren als Republikaner die Partei gewechselt. Verloren ging diese Mehrheit am 25. August 2009 durch den Tod von Ted Kennedy.
Vom 24. September 2009 bis 4. Februar 2010 bestand die Mehrheit erneut, nachdem Paul G. Kirk zum Nachfolger von Kennedy ernannt worden war. Jedoch trat er nicht zur Nachwahl an, und die demokratische Bewerberin Martha Coakley unterlag ihrem republikanischen Mitbewerber Scott Brown. Mit dessen Vereidigung am 4. Februar 2010 endete diese zweite kurze Periode einer Filibuster-sicheren Mehrheit.cite-ref-11[11]
EinschrÀnkung in den 2010er Jahren
Am 6. April 2017 drohte vor dem Hintergrund der Neubesetzung eines Bundesrichter-Postens ein Filibuster von Seiten der demokratischen Fraktion im Bestreben, den von PrĂ€sident Trump favorisierten Kandidaten zu verhindern. Als ein von der republikanischen Seite eingebrachter Vorschlag, die Debattenzeit auf 30 Stunden zu begrenzen und dann ĂŒber die Besetzung des Amtes abzustimmen, die erforderliche absolute Mehrheit nicht erreichte, brachte die republikanische Fraktion einen Ănderungsvorschlag der GeschĂ€ftsordnung ein. In der Neufassung genĂŒgt eine einfache Mehrheit, um dem Filibustierenden das Rederecht abzunehmen. FĂŒr diese Neufassung fand sich eine einfache Mehrheit. Dem Inkrafttreten schloss sich dann auch sogleich die erste Anwendung an, in der der Senat die Debatte vor Abstimmung auf 30 Stunden begrenzte. Diese Option wurde in den Medien als die âNukleareâ bezeichnet, weil sie zum einen radikal ist und zum anderen den Republikanern nur dann zum Vorteil gereicht, wenn sie nicht in die Opposition geraten â also den Filibuster als Minderheits-Privileg wieder gebrauchen können. Unter dem Aspekt möglicher Eigeninteressen wird dies somit als sehr kurzsichtig gewertet.cite-ref-12[12]
Kritik und AbschaffungsĂŒberlegungen
Der Filibuster wird regelmĂ€Ăig dafĂŒr kritisiert, fĂŒr den politischen Stillstand im amerikanischen Kongress verantwortlich zu sein.cite-ref-13[13]cite-ref-14[14]cite-ref-15[15] In den letzten 40 Jahren bestand nur einmal, in den ersten beiden Amtsjahren von Barack Obama, eine Mehrheit im Senat, die dem Filibuster standhalten konnte. Da die Kompromissbereitschaft im Senat historisch niedrig ist,cite-ref-16[16]cite-ref-17[17] wurden seit der EinfĂŒhrung des Affordable Care Acts im Jahre 2010 kaum Gesetzesvorhaben von Relevanz verabschiedet. Neben einer Vielzahl von Demokraten unterstĂŒtzte auch Donald Trump die Abschaffung des Filibusters.cite-ref-18[18] Nachdem die Demokraten mit den Wahlen im Jahr 2020 die Kontrolle des Senates knapp wiedergewannen, mehrten sich unter den Demokraten die Stimmen, die eine Abschaffung des Filibusters forderten,cite-ref-19[19] um Gesetzesvorhaben umzusetzen, fĂŒr die die republikanischen Politiker nicht stimmen wĂŒrden.cite-ref-0-3-2[3] Die meisten der Demokraten, die nun fĂŒr eine Abschaffung plĂ€dieren, haben sich vor vier Jahren jedoch noch fĂŒr den Filibuster starkgemacht, um republikanische GesetzesentwĂŒrfe verhindern zu können, und hatten die Abschaffung des Filibuster fĂŒr Supreme-Court-Richter unter dem republikanischen MehrheitsfĂŒhrer McConnell sehr kritisiert.cite-ref-20[20] Allerdings sprach sich insbesondere der konservative Demokrat Joe Manchin gegen die Abschaffung aus.cite-ref-21[21] Manchin argumentierte, dass sich die Abschaffung des Filibusters rĂ€chen wĂŒrde, wenn die Republikaner ihrerseits einmal wieder die Mehrheit im Kongress erringen, da die Demokraten dann nicht mehr die Möglichkeit hĂ€tten, umstrittene republikanische Gesetzesvorhaben per Filibuster zu behindern.cite-ref-0-3-3[3] US-PrĂ€sident Joe Biden schlug vor, zur ursprĂŒnglichen Filibuster-Regelung zurĂŒckzukehren, nach der Politiker stundenlang reden mĂŒssten, um Gesetzesvorhaben aufzuhalten.cite-ref-0-3-4[3]
Filibuster in anderen Gesetzgebungsorganen in den Vereinigten Staaten
Der US-Senat ist nicht das einzige Gesetzgebungsorgan in den Vereinigten Staaten, das einen Filibuster kennt. Das ReprĂ€sentantenhaus kannte dieses Instrument frĂŒher auch, schaffte es aber 1842 ab. Durch die höhere Mitgliederzahl wĂ€re die Zulassung des Filibuster ein Problem in der Praxis.cite-ref-22[22]
Auf der Ebene der Bundesstaaten gibt es gelegentlich auch Filibuster. Jedoch verbieten 36 der jeweiligen Staatssenate einen Filibuster ausdrĂŒcklich; und wĂ€hrend er in 13 Bundesstaaten möglich ist, kommt er nur in Alabama, Nebraska, South Carolina und Texas regelmĂ€Ăig vor.cite-ref-23[23] In letzterem Staat unterliegt er strengen Regeln: der Redner muss durchgehend zum Thema sprechen und wĂ€hrend der ganzen Rede stehen, ohne sich anzulehnen oder abzustĂŒtzen. Nach drei VerstöĂen wird der Redebeitrag beendet. Dennoch ist es schon mehrfach gelungen, auf diese Weise Gesetzesvorhaben entscheidend zu verzögern, indem bestimmte Fristen zum erfolgreichen Zustandekommen eines Gesetzes durch den Filibuster ĂŒberschritten wurden.cite-ref-24[24]
Andere Staaten
Deutschland
In Deutschland ist die Anwendung des Filibusters unĂŒblich. Im Deutschen Bundestag ist die Redezeit fĂŒr einen Abgeordneten ĂŒblicherweise auf 15 Minuten beschrĂ€nkt. Die Fraktionen teilen zudem die Redekontingente nach einem bestimmten SchlĂŒssel auf, der so genannten âBerliner Stundeâ. In der 16. Legislaturperiode wurden in einer durchschnittlichen Debattenstunde der CDU/CSU und der SPD je 19 Minuten, der FDP 8 Minuten und BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen und der Linken jeweils 7 Minuten Redezeit gegeben. Durch diese Regelungen ist ein Filibuster also nicht möglich. Zur Verzögerung einer Abstimmung gibt es lediglich die Methode, die BeschlussfĂ€higkeit des Bundestages ĂŒberprĂŒfen zu lassen. Da bei vielen Bundestagssitzungen groĂe Teile der Abgeordneten nicht im Plenarsaal anwesend sind, wĂŒrde eine solche ĂberprĂŒfung oft ergeben, dass die Anzahl der Anwesenden nicht ausreicht, um BeschlĂŒsse zu fassen. Anstehende Entscheidungen mĂŒssten vertagt werden. In so einem Fall mĂŒssten dann die Regierungskoalitionen alle Abgeordneten zusammenrufen, um BeschlussfĂ€higkeit zu erreichen und mit der eigenen Mehrheit eine Entscheidung herbeizufĂŒhren. Dies wird nur selten angewendet.
Im Bundesrat gab es bis 2021 normalerweise keine RedezeitbeschrĂ€nkung, aber auch hier waren Filibuster nicht ĂŒblich. Seit dem 26. MĂ€rz 2021 gibt es eine Regelredezeit von 5 Minuten und eine maximale Redezeit von 15 Minuten, die aber durch den PrĂ€sidenten verlĂ€ngert werden können.cite-ref-25[25]cite-ref-26[26]
Historisch kam diese Taktik in Deutschland aber durchaus zur Anwendung. Das erste Mal genutzt wurde das Mittel der parlamentarischen Obstruktion im Jahr 1900 bei der dritten Lesung zum Streit um die Lex Heinze von den Sozialdemokraten. Da sie durch eine öffentliche Protestbewegung unterstĂŒtzt wurden, siegten sie.cite-ref-27[27] Ebenfalls um 1900 nutzten die Sozialdemokraten im Reichstag das Mittel der âObstruktionâ, bei dem es sich auch um Filibuster handelte. Der Grund hierfĂŒr war vor allem, dass die Sozialdemokraten zwar 27 % der Stimmen erhalten hatten, aber wegen der grob verschiedenen WahlkreisgröĂen nur 14 % der Mandate. Sie wollten daher alle parlamentarischen Mittel nutzen, um schnelle BeschlĂŒsse der konservativen Mehrheit zu verhindern. Die lĂ€ngste Rede hielt dabei der Zigarettenfabrikant und SPD-Abgeordnete Otto Friedrich Antrick, der am 13. Dezember 1902 im Reichstag auf eine achtstĂŒndige Redezeit kam.cite-ref-blickpunktbundestag-28-0[28]cite-ref-29[29] Sein Thema war eigentlich das Zolltarifgesetz, aber im Grunde ging es darum, eine Abstimmung ĂŒber die Erhöhung der Getreidezölle hinauszuzögern.cite-ref-30[30] Er ging dabei so vor, dass er jeden Artikel einzeln durchging und dann eine halbe Stunde ĂŒber die Bedeutung des darin ErwĂ€hnten fĂŒr die deutsche Wirtschaft referierte. Er scheiterte damit allerdings. Das Gesetz kam morgens um fĂŒnf Uhr zur Abstimmung, und seine Partei unterlag. Zwanzig Jahre nach diesem Vorfall wurde mit Ende Dezember 1922 eine RedezeitbeschrĂ€nkung von einer Stunde eingefĂŒhrt.cite-ref-blickpunktbundestag-28-1[28]
Im Juli 2005 sprach Otto Schily vor dem Visa-Untersuchungsausschuss vier Stunden und 5 Minuten.cite-ref-31[31]
Frankreich
In Frankreich wird vornehmlich die Form massiver GeschĂ€ftsordnungsantrĂ€ge gebraucht. Hierbei spekuliert die Opposition darauf, dass der PrĂ€sident nach Artikel 49-3 der Verfassung einen Ersatzbeschluss vornimmt, mit der BegrĂŒndung mangelnder BeschlussfĂ€higkeit des Parlaments. Allerdings ist diese Aushebelung der parlamentarischen Rechte Ă€uĂerst unpopulĂ€r und wird auch aus dem Regierungslager strikt abgelehnt â der PrĂ€sident wĂŒrde sich dadurch öffentlich in Misskredit bringen.
Bemerkenswerte Rekorde liegen hier mit 13.000 AntrĂ€gen bei der UDF zur europĂ€ischen Regionalisierungsreform im Februar 2003, kurz danach im Juni 2003 noch ĂŒbertroffen von 137.537 AntrĂ€gen der kommunistischen Fraktion und der Parti socialiste zur Fusion von GDF-Suez â dieser allein ĂŒbertrifft die Zahl aller normalen GeschĂ€ftsordnungspunkte des gesamten Jahres um das Dreifache.
Schweiz
In der Schweiz kommen Filibuster im Nationalrat aufgrund beschrĂ€nkter Redezeitencite-ref-32[32] kaum vor. Ăhnliche Konstrukte, wie die Ausschöpfung des Rechts, Fragen zu stellen, mit dem Ziel, eine Abstimmung in die nĂ€chste Legislaturperiode zu schieben, kommen indessen vor.cite-ref-33[33]
Japan
VerlĂ€ngerte Abstimmungsprozesse nennt man gern âden langsamen Gangâ, was sich oft speziell auf VerspĂ€tungen bei der Stimmabgabe bezieht. In Japan gibt es davon eine besonders theatralische Variante, bei der die Abgeordneten sich einzeln zum Urnengang aufrufen lassen, um sich dann besonders langsam zu erheben und in demonstrativ kleinen Schritten in Richtung der Wahlurne zu bewegen. WĂ€hrend die Regierungspartei ihre Stimmen binnen 15 Minuten abgegeben hat, braucht die Opposition hierzu fast 1œ Stunden. Dieses Gebaren hat im japanischen Sprachgebrauch den Namen âden Kuhgang einlegenâ (çæ©, ushi aruki oder gyĆ«ho) bekommen.cite-ref-34[34]
SĂŒdkorea
Um ein neues Geheimdienstgesetz aufzuhalten, das dem sĂŒdkoreanischen Geheimdienst NIS mehr Befugnisse zur Inlandsspionage zusprechen wĂŒrde, starteten die Oppositionsabgeordneten im sĂŒdkoreanischen Parlament am 22. Februar 2016 einen Redemarathon, um eine Abstimmung in dieser Parlamentsperiode aufzuhalten. Der Abgeordnete Jung Cheong Rae sprach dabei fast zwölf Stunden, eineinhalb Stunden mehr als Eun Soo-mi, die drei Tage vorher 10 Stunden und 18 Minuten am StĂŒck geredet hatte. Der letzte Filibuster davor fand 1969 statt.
Kanada
Eine besondere Form der Filibusterei wurde im April 1997 von der sozialdemokratischen Ontario New Democratic Party in der Legislativversammlung von Ontario gebraucht. Diese war gegen ein Gesetz der regierenden Progressive Conservative Party of Ontario gerichtet, das eine Megacity Toronto schaffen sollte. Die NDP-Fraktion generierte mithilfe eines Computers 11.500 ĂnderungsvorschlĂ€ge, indem zu jeder StraĂe der neuen Stadt eine öffentliche Anhörung gefordert wurde, bei der die BĂŒrger der jeweiligen StraĂe beteiligt werden sollten. Die Ontario Liberal Party beteiligte sich an der Filibusterei mit einer etwas kleineren Zahl an AntrĂ€gen, bei denen es um den Geschichtsbezug der benannten StraĂe ging.
Der Filibuster begann am 2. April mit dem Abbeywood Trail und beschĂ€ftigte das Parlament Tag und Nacht, wobei sich die Mitglieder in Schichten abwechselten. Am 4. April kam durch die ĂbermĂŒdung der Abgeordneten sogar ein NDP-Antrag unbeabsichtigt durch und die einigen Dutzend Einwohner von Cafon Court im Stadtteil Etobicoke erhielten das Recht einer öffentlichen Befragung zum Gesetzesvorhaben, allerdings wurde dies durch einen folgenden Ănderungsantrag der Regierung wieder ausgesetzt. Am 6. April, als man in der alphabetischen Liste in den StraĂen beginnend mit E angekommen war, bestimmte der ParlamentsprĂ€sident Chris Stockwell, dass die 230 identischen Worte jedes Antrags nicht mehr laut vorgelesen werden sollen, sondern nur noch der Name der StraĂe genannt werde. Dennoch musste zu jedem Antrag abgestimmt werden, und es dauerte bis zum 8. April, um zuletzt die Zorra Street zu erreichen. AnschlieĂend wurden die AntrĂ€ge der Liberalen einer nach dem anderen abgelehnt, wobei ein Ă€hnlicher, abgekĂŒrzter Prozess angewendet wurde. Der Filibuster endete schlieĂlich nach 9 Tagen am 11. April.cite-ref-35[35]
Italien
Ăhnlich zur Filibusterei in Kanada wurde im September 2015 in Italien die Arbeit des Senats durch automatisch generierte ĂnderungsantrĂ€ge blockiert. Der Senator Roberto Calderoli reichte 82 Millionen ĂnderungsantrĂ€ge ein, die zuvor mit einem eigens entwickelten Algorithmus erzeugt wurden.cite-ref-36[36]
Ăsterreich
WĂ€hrend das Filibustern in den angelsĂ€chsischen Parlamenten als legitimes Mittel des Parlamentarismus verstanden wird, gab es solche FĂ€lle der Obstruktion im österreichischen Reichsrat (1867 bis 1918) wegen einer unzweckmĂ€Ăigen GeschĂ€ftsordnung. Es war nicht nur die Redezeit uneingeschrĂ€nkt, sondern hier wurde nicht von und in alle Sprachen des Reiches ĂŒbersetzt, sodass auch lange und wichtige Reden unĂŒbersetzt blieben. Obendrein durften die Parlamentarier nach Belieben lĂ€rmen, wĂ€hrend ein Kollege sprach (Rasseln, Ratschen, Kindertrompeten, Absingen von Liedern wie Nationalhymnen). Somit waren die frei gewĂ€hlten Parlamente (also auch die Landtage) unbeweglich und stellten den Parlamentarismus in ein schlechtes Licht. Hitlers EindrĂŒcke von Parlamentsarbeit etwa stammten aus dem Wiener Reichsrat. Ăber die Zu- und MissstĂ€nde wurde damals auch in der Weltpresse berichtet, wenn z. B. der tschechisch-radikale Lisy allein mit PrĂ€sidium und Stenografen redete, ab und zu einen Bissen von seinem Wurstbrot nahm und einen Cognac trank. Zuvor wurde bereits der Böhmische Landtag von den Deutschnationalen durch Obstruktion lahmgelegt, was im Gegenzug zur Behinderung des Reichsrats vor allem durch radikale Tschechen fĂŒhrte.cite-ref-37[37]
In der jĂŒngeren Geschichte Ăsterreichs neigten hauptsĂ€chlich die GrĂŒnen zum Filibustern. Am bekanntesten wurde ein am 11. MĂ€rz 1993 begonnener Versuch, durch Dauerreden zum Thema Jute die Abschaffung der Kennzeichnungspflicht fĂŒr Tropenholz zu verhindern. Insgesamt dauerte die Sitzung ĂŒber 38 Stunden. Mit 10 Stunden und 35 Minuten am 11. und 12. MĂ€rz hielt Madeleine Petrovic fĂŒr 17 Jahre den Rekord fĂŒr die lĂ€ngste Rede im Nationalrat.cite-ref-38[38] Als Nachspiel wurde 1996 dann eine GeschĂ€ftsordnung beschlossen, die die Redezeit in Plenarsitzungen auf 20 Minuten beschrĂ€nkte.cite-ref-39[39] Dies hinderte den Abgeordneten Werner Kogler aber nicht daran, bei der dem Beschluss des Budgets 2011 im Plenum vorangehenden Debatte im Budgetausschuss diesen durch eine Dauerrede am 16. und 17. Dezember 2010 erheblich zu verzögern. Die Rede begann um 13:18 Uhr und dauerte 12 Stunden und 42 Minuten bis exakt 2:00 Uhr nachts an und stellt somit einen neuen Rekord dar.cite-ref-marathonrede-kogler-40-0[40] SpĂ€ter erfolgte eine Ănderung der GeschĂ€ftsordnung, sodass jeder Abgeordnete pro Debatte nur noch maximal zwei Mal das Wort ergreifen und insgesamt 20 Minuten sprechen darf. AuĂerdem wurde mittels Wiener Stunde die Gesamtredezeit eines Parlamentsklubs festlegt.cite-ref-41[41]
Vereinigtes Königreich
Im Vereinigten Königreich wird ein erfolgreich zerredetes Gesetzesvorhaben als talked out (hinweggeredet, ausgeredet) bezeichnet.
Im britischen Unterhaus darf eine Rede, sofern sie beim Thema bleibt, beliebig in die Details gehen. Der Rekord fĂŒr eine ununterbrochene Rede liegt mit sechs Stunden bei Henry Brougham, gehalten 1828. John Golding hielt 1983 eine Rede, einschlieĂlich mehrerer Pausen, von zusammen 11 Stunden zum Thema der Reform der British Telecom. Die lĂ€ngste ununterbrochene Rede im letzten Jahrhundert wurde von Sir Ivan Lawrence gehalten, der zur Fluoridierungs-Verordnung eine Rede von vier Stunden 32 Minuten hielt.
Eine besondere Note dieses Verfahrens wird in einer Rede von Andrew Dismore (Labour) deutlich â sie dauerte drei Stunden 17 Minuten. In seiner Rede zur Ănderung des Eigentumsschutzes im KriminalitĂ€tsrecht akzeptierte er mehrfach EinsprĂŒche aus dem parlamentarischen Block, auf die er jeweils sehr genau einging, um dann mit der eigenen Rede fortzufahren. Mit dieser Taktik wird ein eigentlich beschrĂ€nktes Thema deutlich in die LĂ€nge gezogen.
Australien
In Australien haben sowohl das ReprÀsentantenhauscite-ref-42[42] als auch der Senatcite-ref-43[43] umfassende Regelungen zur Redezeit beschlossen, die einen Filibuster verhindern.
Rezeption
Literatur
âą Laura Cohen Bell: Filibustering in the U.S. Senate. Cambria Press, Amherst 2011, ISBN 978-1-60497-734-9.
âą Gregory Koger: Filibustering: a political history of obstruction in the House and Senate. University of Chicago Press, Chicago 2010, ISBN 978-0-226-44965-4.
âą Gregory J. Wawro, Eric Schickler: Filibuster: obstruction and lawmaking in the U.S. Senate. Princeton University Press, 2006, ISBN 978-0-691-12509-1.
Filmische Rezeption
In die Filmgeschichte eingegangen ist die Marathonrede, die James Stewart als Senator (erfolgreich) im Spielfilm Mr. Smith geht nach Washington von 1939 hÀlt.
Unzureichende Gelder fĂŒr die Autismusforschung veranlassen den republikanischen Senator Stackhouse in der Serie The West Wing (Staffel 2, Folge 17) zu einem Filibuster. Weiter greifen die US-Serien Parks and Recreation (Staffel 1, Folge 2, und Staffel 6, Folge 6, 2013), King of the Hill (Staffel 4 Folge 22) und House of Cards (2013+) das Thema Filibuster humoristisch auf. Auch in der Serie Alpha House (Staffel 1, Folge 1) wird ein Filibuster verwendet.
Weblinks
Wiktionary: Filibuster
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Stenographisches Protokoll der 107. Sitzung, XVIII. Gesetzgebungsperiode des österreichischen Nationalrates mit der Filibuster-Rede der Abgeordneten Petrovic (PDF; 42 MB), S. 12511â12585 (im PDF-Dokument 210â284)
âą spiegel.de: Juni 2013: Kulturkampf in Texas: Demokraten stoppen umstrittenes Abtreibungsgesetz
Einzelnachweise
cite-note-11. â https://www.britannica.com/topic/filibuster
cite-note-22. â https://www.handelsblatt.com/dpa/shutdown-in-den-usa-trump-fordert-abschaffung-der-filibuster-regel-im-us-senat/100170118.html. Abgerufen am 6. November 2025.
cite-note-0-33. â Roland Nelles: Filibuster-Regelung: Warum eine alte Tradition Joe Biden zum VerhĂ€ngnis werden könnte. In: Der Spiegel. Abgerufen am 23. MĂ€rz 2021.
cite-note-77. â Rachel Treisman/Alana Wise: Cory Booker breaks a 68-year-old Senate record with a 25-hour speech, National Public Radio vom 1. April 2025
cite-note-88. â David Smith: Booker makes a stand against Trump â and doesnât stop for 25 hours, The Guardian vom 2. April 2024
cite-note-1010. â 60. Senatssitz fĂŒr die Demokraten (Memento vom 4. Juli 2009 im Internet Archive) Tagesschau.de: US-Senat â 60 Sitze fĂŒr Demokraten (Zugriff am 1. Juli 2009)
cite-note-1111. â Brown sworn in to fill Kennedy Senate seat - UPI.com. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2023 (englisch).
cite-note-1212. â Republikaner bereiten Weg fĂŒr Gorsuch. In: sueddeutsche.de. 6. April 2017, abgerufen am 11. MĂ€rz 2018.
cite-note-1313. â The Times Editorial Board: Editorial: Mitch McConnell reminds us why the Senate needs to kill the filibuster. In: Los Angeles Times. 22. Januar 2021, abgerufen am 14. August 2024 (englisch).
cite-note-1414. â Adam Jentleson: Opinion | Joe Biden May Have Only Two Years to Get Things Done. In: The New York Times. 20. Januar 2021, abgerufen am 14. August 2024.
cite-note-1616. â RuadhĂĄn Mac Cormaic: Biden may call for bipartisan truce â but he should prepare for war. In: The Irish Times. 23. Januar 2021, abgerufen am 14. August 2024 (englisch).
cite-note-1717. â Carl Hulse, Adam Nagourney: Senate G.O.P. Leader Finds Weapon in Unity. In: The New York Times. 17. MĂ€rz 2010, abgerufen am 14. August 2024 (englisch).
cite-note-1919. â McConnell pressures Democrats to keep Senate filibuster. 19. Januar 2021, abgerufen am 23. Januar 2021 (amerikanisches Englisch).
cite-note-2020. â Senate Democrats who supported the filibuster now oppose it. Abgerufen am 27. September 2021 (deutsch).
cite-note-2121. â Luke Broadwater: âWeâve Harmed the Senate Enoughâ: Why Joe Manchin Wonât Budge on the Filibuster. In: The New York Times. 30. November 2020, abgerufen am 23. Januar 2021.
cite-note-2222. â Rand Paulâs filibuster in historical terms. 4. MĂ€rz 2016, archiviert vom Original am 4. MĂ€rz 2016; abgerufen am 28. MĂ€rz 2024.
cite-note-2525. â 1002. Sitzung des Bundesrates. TOP 83 â 231/21 Ănderung der GeschĂ€ftsordnung des Bundesrates. 26. MĂ€rz 2021, abgerufen am 8. Januar 2022.
cite-note-2626. â GeschĂ€ftsordnung des Bundesrates â § 22a Dauer der Rede
cite-note-2727. â Michael Stolleis: Der Mordfall Lex Heinze und die Lex Heinze. In: Michael Stolleis (Hrsg.): Margarethe und der Mönch. Rechtsgeschichte in Geschichten. C.H. Beck, MĂŒnchen 2015, ISBN 978-3-406-68209-4, S. 237.
cite-note-blickpunktbundestag-2828. â "Die Geschichte des Parlamentarismus: Geschichte Reichstag" (Memento vom 28. Dezember 2004 im Internet Archive), Hermann SchĂ€fer in Blickpunkt Bundestag, Deutscher Bundestag, 3. April 1999
cite-note-2929. â Digitale Bibliothek - MĂŒnchener Digitalisierungszentrum. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2023.
cite-note-3030. â 13. Dezember 2007 - Vor 105 Jahren: Acht-Stunden-Rede im Reichstag. 1. Dezember 2007, abgerufen am 12. MĂ€rz 2023.
cite-note-3232. â Unter anderem Art. 44 und Art. 47 des GeschĂ€ftsreglements des Nationalrats
cite-note-3333. â Antonio Fumagalli: Leuthard kommt mit blauem Auge davon. In: Aargauer Zeitung. 19. Juni 2015, abgerufen am 6. August 2015.
cite-note-3434. â Japan: From the Cow-Walk to the Brawl. In: Time. 5. Juli 1963 (time.com).
cite-note-3535. â Archive der parlamentarischen Debatten (Memento vom 11. Mai 2006 im Internet Archive) im Provinzarchiv. Der Filibuster lĂ€uft von Sektion L176B bis L176AE; der Cafon Court Vorfall ist bei L176H, Stockwell Regelung bei L176N, und Zorra Street bei L176S.
cite-note-3636. â tagesschau.de: Italien. Abgerufen am 12. MĂ€rz 2023.
cite-note-3737. â Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. MĂŒnchen : Piper, 1996, S. 174â186
cite-note-3838. â 107. Sitzung NR XVIII. GP - Stenographisches Protokoll. 14. Juli 2021, archiviert vom Original am 14. Juli 2021; abgerufen am 12. MĂ€rz 2023. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.parlament.gv.at
cite-note-3939. â Arquivo.pt. Archiviert vom Original am 8. Juni 2019; abgerufen am 12. MĂ€rz 2023. Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.parlament.gv.at
cite-note-marathonrede-kogler-4040. â GrĂŒner Kogler blockiert Budget mit Rekord-Dauerrede. 16. Dezember 2010, abgerufen am 12. MĂ€rz 2023.
cite-note-4141. â Lisa Röhrer: 10,5 Stunden: Niederösterreicherin hielt die lĂ€ngste Rede im Parlament. In: noen.at. 11. MĂ€rz 2023, abgerufen am 11. MĂ€rz 2023.
cite-note-4242. â Archivlink (Memento vom 16. Februar 2012 im Internet Archive) (abgerufen am 23. Mai 2010)
cite-note-4343. â Archivlink (Memento vom 16. Februar 2012 im Internet Archive) (abgerufen am 23. Mai 2010)